Sternen-Grill

Das Wurst-Wunder von Zürich

Eine Reportage von Cécile Alge

BBB – Bratwurst, Bürli, Bier. Bei uns in St.Gallen ist dieses Trio legendär und überall im Angebot – am Open-Air, im Stadion, am Dorffest. Sogar die Gäste der Regierung bekommen im Staatskeller die St.Galler Bratwurst im Papiersäckli serviert, dazu ein Bürli und ein Schüga (Schützengarten, die älteste Brauerei der Schweiz). Es ist eine Symbiose, die wunderbar schmeckt und auch zum Verkaufen praktisch zu handhaben ist. Das haben natürlich längst auch andere gemerkt. Zum Beispiel die Zürcher. Am Sternen Grill beim Bellevue, der in fast keinem Fremdenführer fehlt und so weltbekannt ist, wie unsere St.Galler Bratwurst, gehen täglich 800 Stück davon über den Tresen. Ja, täglich. Warum eigentlich? Das wollten wir wissen und nahmen einen Augenschein.

Die «echte» auf dem Grill

Mitte Woche, Zürich Bellevue, kurz vor Mittag. Reges Treiben an diesem Verkehrsknotenpunkt im Herzen von Zürich, ein riesiges, schnelles Miteinander von Autos, Trams und Passanten. Hier trifft man sich zum Kaffee, zum Lunch, zum Imbiss und geht oder fährt dann in der Regel gleich wieder weiter. An Möglichkeiten fehlt es nicht; überall locken Tische im Freien, Take-aways und Cafés zum kurzen Verweilen. Dabei fällt auf, dass beim Gebäude, an dessen Fassade der goldige Stern gerade in der Frühlingssonne funkelt, die Warteschlange besonders lang ist. Sie reicht bis zum Eingang des danebenliegenden Bankengebäudes – ein gutes Zeichen. Das ist er also, der Sternen Grill, Zürichs bekanntester Bratwurst-Tempel. Aus der Nähe betrachtet gar nicht sooo spektakulär, obschon man von ihm sagt, hier treffe sich die Welt samt ihren Stars und geniesse das Original, bis spät in die Nacht. Mit dem Original ist natürlich die St.Galler Bratwurst (IGP) gemeint, die hier auch wirklich eine solche ist. Produziert von der Dorfmetzg Tanner in Henau, einem 1300-Seelen-Dorf bei Wil. Es stimmt auch, dass ein bekannter Teil der Welt schon hier war, die Fotos im Treppenhaus belegen es: Udo Jürgens, Nick Heidfeld, Jörg Schneider, die erste Mannschaft des FCZ… und jetzt stehen Touristen, Pendler, Studenten, Pensionäre, Einheimische, Geschäftsleute und Wurstliebhaber an, von denen sehr viele eine St.Galler Bratwurst bestellen werden.

Grossandrang am Mittag

Weil Mittag ist, herrscht vor der Theke Grossandrang und dahinter Fliessband-Betrieb. Rechts das Geld geben, links die Wurst nehmen. Sie kommt vom Grill in die Serviette und schwupps in die Hand des Gastes. Dazu ein Gold Bürli, das so heisst, weil es die Zürcher Bäckerei Gold produziert. (Übrigens: Kennengelernt hat der Ur-Gold-Vater das Bürli vor über 100 Jahren in St.Gallen. In seiner Heimat hat er es später dann nachgebacken und kontinuierlich verfeinert.) Und ja, und auch ein Döschen Sternen Senf gehört hier zum Menü-Klassiker (mehr darüber später).

Preis und Leistung stimmen

Bevor wir uns selber in die Schlange stellen, wollen wir uns in Zürichs Kult-Imbiss umsehen und umhören. Dabei sind wir überrascht, wie nett und freundlich die Begegnungen mit Gästen und Personal sind – trotz Stosszeit. Selbst der Co-Geschäftsführer Peter Rosenberger ist im Haus, ist entspannt und sogar erfreut über unseren unangemeldeten Besuch. Fotografieren und interviewen? Alles kein Problem. Uns fällt auf, wie viele Gäste trotz des umfangreichen Angebotes eine St.Galler Bratwurst essen und fragen nach. Für Tobias Andermatt aus Zürich und Timothy Ruoss aus Meilen (ZH) ist der Grund simpel: «Der Preis. Die Bratwurst mit Bürli kostet hier 7.50 Franken und gibt wohl aus. Das ist günstig für Zürcher Verhältnisse. Bei MC Donalds würden wir mehr Geld brauchen und hätten danach wohl schneller wieder Hunger», erklären die beiden. Sie gehen ans Realgymnasium Rämibühl, das sich nur einen Steinwurf vom Bellevue befindet und verpflegen sich deshalb einmal in der Woche hier am Sternen Grill. Lisa und Charles Buser aus Zunzgen steuern mit vollen Händen den kleinen Bartisch in der Ecke an. Sie haben aus nostalgischen und kulinarischen Gründen eine St.Galler Bratwurst vom Grill bestellt. «Schon unsere Eltern gingen früher zum Bratwurstessen in den Sternen Grill und haben uns jeweils davon erzählt. Jetzt machen wir das auch, aber nur ein, zwei Mal im Jahr», sagt Charles Buser. «Eigentlich essen wir fast nie Würste. Aber wenn, dann ist es eine St.Galler Bratwurst vom Sternen Grill», präzisiert Lisa Buser. «Da stimmt die Qualität. Die Würste sind aussen knusprig, innen saftig, einfach fein.» Zudem schwinge bei ihrem Wurstschmaus auch die Erinnerung an die Eltern mit. «Früher hätten wir wohl gelacht, wenn man uns gesagt hätte, dass wir dereinst wie sie mit einer Wurst in der Hand im Sternen Grill stehen», schmunzelt Lisa Buser.

Mit oder ohne?

An einem Zweiertisch im Freien sitzen Dominic Mégel und Christian Lienhart aus Zürich. Die beiden sind gut gelaunt und zu Spässen aufgelegt. «Warum wir eine St.Galler Bratwurst essen? Weil sie einfach super ist. Viiiiiieeeel besser als der St.Galler Dialekt», scherzt Mégel, um dann aber zu gestehen: «Nein ehrlich, über die Qualität der Wurst habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich würde bei zehn probierten Sorten wohl kaum einen Unterschied merken.» Aber der Sternen Grill habe Mythos und sei einfach der perfekte Ort für das zweiwöchentliche Treffen mit seinem Freund. Sagts und tunkt die Wurst in die Cocktailsauce. Und damit wären wir dann auch beim Thema, das seit jeher die Geniesser-Geister scheidet und das wir St.Galler eigentlich ziemlich satt haben. Trotzdem geben wir an dieser Stelle noch unseren Senf dazu. Denn dieser gehört hier im Sternen Grill fix zur Bratwurst. Ein extrascharfer, der sogar im 200-Gramm-Glas über die Gasse verkauft wird…..Und an der Wand des Imbiss-Lokals hängt zum Thema grossformatig ein Comic aus dem «züritipp». Die «Inter-Galakto-Vordere-Schtärne-Senf-Experience», die der bekannte, vor neun Jahren verstorbene Künstler Mike Van Audenhove gezeichnet hat. Nichtsdestotrotz und ein für alle Mal: Die St.Galler Bratwurst braucht weder Senf noch Saucen. Sie ist die Königin unter den Würsten und ausser einem Bürli und einem Schüga sich selbst genug. Und das soll so bleiben.

Knusprig, saftig, fein

Mittlerweile ist es ein Uhr mittags, das Schlangestehen am Grill vorbei. Zeit für uns, in der Zürcher Metropole eine heimische Wurst zu essen. Hier, wo alles irgendwie in ist und Style hat, erschleicht uns das Gefühl, dass sogar unsere St.Galler Bratwurst Kultstatus erlangt. Und ja, sie schmeckt gut, unsere Wurst vom Sternen Grill. Knusprig, saftig, fein. Fazit: der Besuch im Sternen Grill war ein Erlebnis und definitiv einen Besuch wert. Nichtsdestotrotz liebe Zürcherinnen und Zürcher: wir bleiben uns treu und finden, dass Bratwurstessen in der Heimat einfach unvergleichlich ist. Kommt doch auch einmal…

KASTEN

Phänomen Sternen Grill

Das international bekannte Imbisslokal am Bellevue-Platz wurde im Jahre 1963 vom Gastro Unternehmer und ehemaligen Präsidenten des Wirteverbands der Stadt und des Bezirks Zürich Eduard Rosenberger eröffnet. Seit 1995 führen ihn die Brüder Peter und Thomas Rosenberger

in zweiter Familiengeneration. Mehr Impressionen, Informationen und Kult auf sternengrill.ch